Nach dem Treffen...
Nachdem er endlich fort war, sammelte ich all meine Kraft, ging ins Wohnzimmer und griff mein Handy, ich versuchte zunächst meine Nachbarin zu erreichen, die leider noch arbeiten war und rief dann eine Freundin an, die nebenan war und direkt rüberkam. Nur grob schilderte ich was passiert war, sie blieb bei mir und wir gingen in die Küche, ich wollte mir einen Tee kochen, setzte heißes Wasser auf und bemerkte einen Anruf auf meinem Handy, er versuchte mich mit einem Videoanruf zu erreichen. Ich guckte meine Freundin an und sagte "Er ruft an!" und sie reagierte direkt mit "Da gehst du nicht dran!", "auf keinen Fall", ergänzte ich. Dann griff ich die Packung mit den Schokodonuts, ging ins Wohnzimmer und griff aus meinem Schrank eine volle Flasche Apfelstrudel-Likör. Zurück in der Küche nahm ich ein normales Trinkglas aus dem Schrank und goß mir den Likör ein. Ich brauchte irgendwas, was mir half den Kopf abzuschalten, sonst würde ich durchdrehen. Dann klingelte es an der Tür. Die Freundin ging an die Tür, ich hatte Sorge er könnte es sein, aber es war nur meine Ziehtante, die mir meine Hündin wieder brachte. Gemeinsam gingen wir ins Wohnzimmer, ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, denn meine Ziehtante ist die beste Freundin meiner Mutter und die sollte davon vorerst nichts mitbekommen.
Kurz danach klingelte es erneut an der Tür, meine beste Freundin kam rein, setzte sich zu uns ins Wohnzimmer und fragte "Müssen wir ins Krankenhaus oder zur Polizei?" und ich antwortete "Nein", als meine Ziehtante dann schockiert fragte, was denn bloß passiert sei, brach ich zusammen und erzählte was los war. Aus Rücksicht auf meine Ziehtante und meine eigenen Nerven, auch nicht besonders detailliert. Zur Polizei wollte ich auf keinen Fall, ich wollte meinen Likör austrinken, Schokodonuts essen und einfach klarkommen. Die Freundin von Nebenan machte sich wieder auf den Weg, ich war jetzt mit meiner Ziehtante und meiner besten Freundin allein. Als ich auf mein Handy blickte, sah ich, dass er eine Nachricht geschickt hatte "Alles gut bei dir?" und eine halbe Stunde später "Können wir später telefonieren?". Ich antworte erst abends, als meine Ziehtante wieder los war und meine beste Freundin versuchte mich zu stabilisieren. Ich schrieb "Ich möchte nicht telefonieren!" und als er darauf antwortete mit "Alles ist gut, Maren", wurde ich richtig wütend. Dieses elendige "Alles ist gut, Maren" hat mich so getroffen, dass ich ihm wütend schrieb, dass gar nichts gut sei, dass eine Freundin hier sei und sich um mich kümmerte und dass ich absolut entsetzt und enttäuscht bin. Dann blockierte ich ihn.
Später am Abend, nach stundenlangen Gesprächen und gemeinsamem Pizzaessen mit meiner besten Freundin, beriet sie mich, dass es vielleicht günstig sei ihm noch mal eine sehr klare Ansage zu machen, damit er nicht auf die Idee kommt noch mal hier aufzutauchen, also löste ich die Blockierung, schrieb ihm, dass ich entsetzt und enttäuscht bin, dass er trotz meiner klaren Worte vorab bei WhatsApp und auch vor Ort meine Grenzen massiv überschritten hat und er froh sein soll, wenn ich ihn nicht anzeige. Dann blockierte ich ihn wieder.
Gegen 21 Uhr musste meine beste Freundin dann los. Ich war müde und immer noch den Tränen nahe, immer wieder brach es aus mir heraus und ich merkte, wie mein Kopf wieder anfing zu kreiseln, was habe ich falsch gemacht, warum ist mir das passiert, dabei hatte ich mich nicht mal "hübsch" gemacht, war weder geschminkt, noch hatte ich irgendwelche "sexy" Kleidung an - eher im Gegenteil. Es ist schlimm, dass man selber dann die Fehler bei sich sucht, überlegt, in wie fern man zu dieser Misere beigetragen haben könnte.
Ich setzte mich hin und schrieb einen Beitrag für meine Freunde bei Facebook, ich wollte, dass andere besser auf sich aufpassen, als es mir gelungen ist, dass Andere vielleicht nicht so naiv und dumm sind wie ich. Und ich wollte ein Stück weit verarbeiten, das kann ich am besten durchs Schreiben.
Die erste Nacht war grässlich, etwa gegen Vier Uhr morgens werde ich wach, weine, habe Panik und denke mir, egal, aufstehen, Hunde ins Auto einladen und einfach rausfahren. Während der Fahrt versuche ich Freunde zu erreichen, die eigentlich erreichbar sein wollten aber wohl doch etwas mehr Glück mit dem Schlaf hatten, also blieb es erfolglos. Meine Schwägerin meldete sich aber später noch zurück und nachdem ich mit ihr noch mal intensiver geprochen hatte, beschloss ich bei der zuständigen Polizeidienststelle anzurufen und mich zu erkundigen, in wie fern sie mir helfen konnten.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich unfassbar dankbar bin, dass man mir in diesem sensiblen Moment so empathisch gegenüber war und ich sogar mit meinem Hund bei der Polizei rein durfte um meine Aussage zu machen, es wurden Spuren gesichert und dann durfte ich wieder nach Hause.
Teil 2 Triggerwarnung - Das Danach...
Nachdem er endlich fort war, sammelte ich all meine Kraft, ging ins Wohnzimmer und griff mein Handy, ich versuchte zunächst meine Nachbarin zu erreichen, die leider noch arbeiten war und rief dann eine Freundin an, die nebenan war und direkt rüberkam. Nur grob schilderte ich was passiert war, sie blieb bei mir und wir gingen in die Küche, ich wollte mir einen Tee kochen, setzte heißes Wasser auf und bemerkte einen Anruf auf meinem Handy, er versuchte mich mit einem Videoanruf zu erreichen. Ich guckte meine Freundin an und sagte "Er ruft an!" und sie reagierte direkt mit "Da gehst du nicht dran!", "auf keinen Fall", ergänzte ich. Dann griff ich die Packung mit den Schokodonuts, ging ins Wohnzimmer und griff aus meinem Schrank eine volle Flasche Apfelstrudel-Likör. Zurück in der Küche nahm ich ein normales Trinkglas aus dem Schrank und goß mir den Likör ein. Ich brauchte irgendwas, was mir half den Kopf abzuschalten, sonst würde ich durchdrehen. Dann klingelte es an der Tür. Die Freundin ging an die Tür, ich hatte Sorge er könnte es sein, aber es war nur meine Ziehtante, die mir meine Hündin wieder brachte. Gemeinsam gingen wir ins Wohnzimmer, ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, denn meine Ziehtante ist die beste Freundin meiner Mutter und die sollte davon vorerst nichts mitbekommen.
Meine Therapeuten mit Fell
Auf der Suche nach einem Psychotherapieplatz kann man schon mal verzweifeln - aber zum Glück habe ich meine Therapeuten mit Fell, die mich durch alle Höhen und Tiefen begleiten.
Teil 4: Triggerwarnung - Alltag?
Seit dem "Vorfall" wache ich jeden Tag auf und denke, heute ist Alltag, ich versorge die Hunde, füttere sie, gehe mit ihnen spazieren und erledige meine Arbeit. Ich funktioniere, erledige Dinge, nehme meine Medikamente ein und hoffe jeden Abend, dass die Nacht gewöhnlicher wird, wenn die Tage zuvor gewöhnlicher sind.
Teil 1: Triggerwarnung - Erfahrungsbericht über sexuellen Übergriff (Opfersicht)
In meinem Leben ist mir schon Einiges passiert und immer wenn ich dachte "Fein, schlimmer kann´s nicht mehr werden" - kam es noch schlimmer. Deshalb habe ich mir abgewöhnt sowas zu denken. Stattdessen habe ich entschieden meine Erlebnisse zu verschriftlichen - hier geht es nun um das wohl einschneidenste Erlebnis meines bisherigen Lebens.
Teil 3: die ersten Auswirkungen danach (Triggerwarnung: Depressionen, Suizidgedanken)
Mit der Enzeige bei der Polizei war ich einerseits erleichtert, weil ich dachte, ich könnte so vielleicht andere Frauen vor diesem Mann schützen, zeitgleich wuchs aber auch die Angst in mir, er könnte zurück kommen und mir erheblichen Schaden anrichten, weil eine eventuelle Verurteilung vermutlich auch berufliche Auswirkungen für ihn hätte. Nach Rücksprache mit meiner Rechtsschutzversicherung war der nächste Schritt dann eine einstweilige Verfügung nach Gewaltschutzgesetz in die Wege zu leiten und mir einen Anwalt zu suchen.
Es war gut, dass ich mich an meinen jetzt aufgelisteten To Do´s abarbeiten konnte, der Fokus half mir weniger über das Erlebte an sich nach zu denken und ich fühlte mich stark, ich würde das schon alles irgendwie schaffen. Die Anwaltssuche hat mich teilweise sehr demotiviert, entweder waren die Anwälte zu weit weg und wollten aus diesem Grund das Mandat nicht übernehmen, oder sie lehnen Opferschutz grundsätzlich ab.
Die Suche nach einem Therapieplatz (mit Kassensitz) ist noch immer in vollem Gange und gestaltet sich noch schwerer, als die Anwaltssuche, aber ich gebe nicht auf.
Im Alltag merke ich deutlich die Auswirkungen, einkaufen gehen stresst mich, ich gehe am liebsten einkaufen, wenn nichts mehr los ist, also kurz vor Schließung, in Geschäften, die mir vertraut sind. Spaziergänge mit den Hunden waren zunächst nur in Begleitung möglich, das geht nun aber auch schon wieder ganz gut ohne, sofern ich weiß, dass ich jederzeit jemanden telefonisch erreichen könnte, wenn etwas Merkwürdiges passiert. Angst ist irrational und auch wenn ich hinterher oft denke, die Angst ist an dieser Stelle echt unberechtigt, kann ich in dem Moment selber nichts dagegen tun, dann kauere ich mich auf dem Parkplatz beim Tierarzt zwischen den Autos hockend zusammen, nur damit mich möglichst niemand entdeckt, beim Arzt warte ich lieber draußen in der Kälte, anstatt im Wartezimmer mit fremden Menschen. Ich überdenke meine Jahresplanung was Konzerte und Festivals angeht, versuche immer in einer Gruppe mit mir vertrauten Personen dort hin zu fahren, damit ich geschützt bin.
Es gibt so viele Einschränkungen, Massagen wegen meiner Bandscheibenvorfälle, kaum möglich, weil ich bei Berührungen direkt in die Gegenspannung gehe und mich nicht entspannen kann.
Ich fühle mich oft einfach nur schlecht, ekelig, entwertet, habe Probleme meinen eigenen Körper zu pflegen, dusche mich am liebsten nur mit Duschschwamm, nur um mich nicht direkt berühren zu müssen, mag mich im Spiegel nicht ansehen, zu wütend bin ich auf mich selbst, dass ich mich nicht besser geschützt habe, dass ich nicht früher gemerkt habe, worauf das alles hinausläuft.
Man liest online unweigerlich immer mehr von solchen und ähnlichen Vorfällen - der Algorhitmus ist da sehr zuträglich und es macht wütend, dass diese und andere Sexualdelikte für viele Menschen traurige Realität sind. Ich kann nicht begreifen wie ignorant man sein muss, um sich und seine eigenen Bedürfnisse über das Wohlergehen anderer Menschen zu stellen. Wie groß muss das eigene Machtempfinden sein, wenn man entgegen jeder möglichen Abwehrreaktion, körperlich wie verbal, einfach sein Ding weiter durchzieht. Und dann wird mir immer klarer, dass er mich vermutlich sogar vergewaltigt hätte, wenn ich nicht in letzter Sekunde seinen "Ausschalter" zufällig gefunden hätte.
Was sind die zu erwartenden Strafmaße für solche Täter? Ein paar Jahre Freiheitsstrafe, die vermutlich nicht mal den Zeitraum umfassen, den ein Opfer an Therapie benötigt um einigermaßen in der Welt zurecht zu kommen? Ein paar 1000€ Schmerzensgeld, als "Wiedergutmachung"? Allein die Vorstellung er könnte sich von seiner Schuld freikaufen, als könnte man per Urteil festlegen was meine Erfahrung des ersten Kusses und meine beinahe genommene Jungfräulichkeit an Wert hat, er bezahlt das und damit ist alles wieder gut?! Nein, das Strafverfahren, sofern denn eins daraus wird, ist eigentlich nicht für das Opfer, es geht darum den Täter so abzuschrecken, dass er solche Taten nicht erneut begeht, aber sind wir doch mal ehrlich, wie oft bleibt eine Verurteilung aufgrund Mangel an Beweisen aus, wie oft ist das Strafmaß so verschwindend gering, dass der Täter bestenfalls darüber schmunzeln kann?!
Ich habe genau davor Angst, davor, dass ich mich jetzt Tagein, Tagaus mit dieser ganzen Scheiße auseinandersetze, damit ich dann optimal auf eine eventuelle Verhandlung vorbereitet bin, die vermutlich wenigstens ein Jahr auf sich warten lässt. Dann muss ich im schlimmsten Fall meinem Peiniger noch mal gegenüber treten, muss Fragen seines Rechtsbeistands beantworten und seien sie noch so respektlos. Ich habe plötzlich das Gefühl, nachvollziehen zu können, warum viele Opfer diesen Schritt nicht gehen oder schlicht die Zeit bis zu einem Urteil nicht überleben.
Natürlich habe ich mir bei all dem Erlebten auch medizinische Unterstützung geholt, psychiatrisch war ich ohnehin angebunden, obwohl ich jetzt wieder kürzere Abstände zwischen meinen Terminen habe, als zuvor üblich. Die Medikamente wurden angepasst und ich bekam ein Rezept für ein stärkeres Schlafmedikament. Beim Lesen des Beipackzettels kam ich nicht umhin intensiver darüber nachzudenken, wie einfach es sein könnte, wenn ich jetzt meine Muskelrelaxans in Kombination mit dem Schlafmittel einnehmen und überdosieren würde, wäre ich in ein paar Stunden einfach nicht mehr da. Dann kommen meine Hunde, stupsen mich an, fordern mich und zeigen mir, dass der Gedanke nicht gut ist, nicht richtig. Immer wieder kommt diese tiefe Leere und Hoffnungslosigkeit, legt sich wie eine schwere Last auf meinen Körper und macht den sonnigsten Frühlingstag zu einem Tag, an dem man am liebsten im Bett liegen bleibt.
Ich bin dankbar, dass ich Freunde und Familie habe, die mich begleiten, für mich da sind auf unterschiedlichste Art und Weise, aber es gibt Momente im Leben, da kann einem einfach keiner helfen, keiner kann mir die Last nehmen, niemand kann die Zeit zurückdrehen und ungeschehn machen, was passiert ist, genauso wie niemand in die Zukunft schauen und mir sagen kann, was für ein Urteil eventuell erwartbar ist. Also wird mich der Zustand noch eine Weile begleiten, bis ich irgendwann meinen Selbstwert wieder finde, den Zugang zu meinem Körper und meiner Seele rehabilitieren kann und anfange zu heilen.