Schlaflos geht der Schlaf los…

Veröffentlicht am 31. Juli 2026 um 02:48

Es gibt so Vieles in der aktuellen Situation, dass ich als unfair empfinde. Das Warten, monatelang ohne zu wissen was passiert, ob etwas passiert und ob mir geglaubt wird. Immer wieder - vor allem nachts - kreiselt mein Kopf, ich gehe durch was passiert ist, fühle mich elend und doch bin ich dankbar, dafür, dass nicht noch viel Schlimmeres passiert ist. Doch ist es wirklich so hilfreich sich in der klassisch deutschen Manier nach unten zu orientieren? Steht es mir nicht zu, dass ich mich sicher fühle, dass ich gesund bin, schlafen kann, keine Angst haben muss, dass ich normal belastbar bin? Und wer entscheidet, was mir zusteht?

Schlaflos geht der Schlaf los... Jede Nacht neue Gedanken die kreiseln, Gedanken, die sich durch kein Medikament zum Schweigen bringen lassen. Was wäre, wenn ich vom Balkon fiele? Wer würde mich vermissen, außer meinen Hunden? Hätte der Täter dann vielleicht Schuldgefühle? Warum fühle ich mich schuldig, dass ein Mensch mich so erniedrigt und beinahe vergewaltigt hat, während er scheinbar sein Leben ganz normal weiterführt? Warum ist eine Frau in diesem Land so wenig wert?

Ich habe nach Monaten der Suche endlich einen Therapieplatz in Aussicht, vor lauter Verzweiflung habe ich mittlerweile Ratgeber und Selbsthilfe-Literatur zur Hand um mich irgendwie wieder zum Funktionieren zu bekommen. Denn funktionieren ist wichtig, funktionieren ist eine Grundvoraussetzung um in diesem Land, dieser Politik, als würdig zu gelten, würdig sich einen Arzt leisten zu dürfen, würdig obwohl ich nur eine Frau bin.

Manchmal fragen mich Menschen, was mit mir passiert sei, sei ich doch damals so selbstbewusst gewesen. Ich war es damals schon nicht, ich hatte einfach nur mehr Energie um mich zu verstellen. Ich dachte ich könnte mich schützen, ich habe gelernt zu kommunizieren was ich will, kann und was eben nicht, doch ich habe den Kampf um mich selbst im entscheidenden Moment verloren, ich habe mich nicht ausreichend wehren können. Ich habe darauf vertraut gehört und respektiert zu werden. Wie naiv.

Ich fühle mich Herbst. Ich fühle diese morgendliche Kälte und die schwindende Energie meine Reserven zu erhalten, die mir das Jahr bis hier hin so geschmälert hat. Ich fühle den Nebel der sich wie ein Schleier auf meine Gedanken legt, sie fast verschwinden lässt, aber dann doch noch durchblicken und manchmal wieder ganz klar werden lässt. Ich fühle die wärmenden Strahlen der Sonne, die mit jedem weiteren Tag in Richtung Winter weniger wärmend werden. Ich fühle wie die Kraft nachlässt, der Schlaf mich einholt und mich doch immer wieder verlässt.

Ich spreche über das was mir passiert ist, nicht detailliert, nicht mit jedem, aber ich tue es. Vielleicht weil es mir gut tut, vielleicht aber auch um zu begreifen, dass nicht ich das Porblem bin oder habe, denn je mehr ich spreche - vor allem mit Frauen - umso klarer wird mir, dass ich kein Einzelfall bin. So vielen Frauen ist Ähnliches oder gar viel Schlimmeres passiert. So vielen Frauen wurde nicht geglaubt, wurden dafür verurteilt, dass sie sich nicht besser geschützt haben, leben bis heute mit der Gewissheit, dass sie nicht so viel Wert sind, wie die Bedürfnisse von Männern.

Heute fragen mich manche Menschen, ob ich Männer hasse. Nein, ich kenne ja nicht alle von Ihnen, aber ich habe gelernt und werde bis an den Rest meines Lebens dazulernen müssen, mich besser zu schützen, nicht zu glauben, dass ein Mann hält was er sagt, Grenzen respektiert, die ich setze. Und im Prinzip geht es in meinem Kopf viel weniger um den Täter und die Wut auf ihn, die Wut auf mich selbst ist mindestens genauso groß.

Ich vermisse es zu schlafen ohne zu denken, ich vermisse es, dass eine einfache Einschlafgeschichte genügt um erholsam zu schlafen. Ich vermisse es durch die Stadt zu schlendern, ohne mich - trotz Begleitung eines Hundes - unsicher zu fühlen. Es reicht ein Augenblick und das Leben verändert sich für immer und aktuell stelle ich mir sehr oft die Frage ob ich dieses Leben noch möchte, ob es jemals wieder ansatzweise lebenswert werden wird? 

Was macht es mit mir, wenn der Täter vielleicht nie verurteilt wird? Wenn er einfach so weitermachen kann, weiteren Frauen Leid zufügt und vielleicht mit jedem Versuch gewissenloser und brutaler wird? Wie soll ich damit umgehen, wenn ich mich zur Anzeige durchgerungen, die ganzen damit verbundenen Unannehmlichkeiten ertragen habe und alles am Ende um sonst gewesen sein könnte? Während mein Kopf diese Gedanken hat, laufen mir Tränen die Wangen herunter. Mein größter Fehler war es, zu vertrauen - ihm - und mir. 

Schlaflosigkeit ist eine Form der Folter an die ich mich schon langsam gewöhnt habe, ich lebe damit mich täglich müde zu fühlen, Dinge zu vergessen, Arbeiten nicht zu schaffen und genauso stolz auf mich zu sein, wenn ich trotz Defiziten etwas schaffe, dass für Andere Alltag aber für mich Überwindung bedeutet. Ich vermisse den Schlaf, die Träume voller Leichtigkeit an die man sich morgens nicht mehr erinnert, weil sie nicht weltbewegend waren, von denen ich nicht schweißgebadet wach geworden bin, in denen ich nicht weinend aufwache und einen Moment brauche um zu begreifen, dass ich sicher bin. Aber bin ich das wirklich noch? Wann wird das alles aufhören? Wann finde ich Anwtorten auf so viele Fragen? Und wann wird sich unser System so ändern, dass Frauen sich sicher fühlen können? Nicht sicherer - sondern sicher.

schlaflos geht der Schlaf los... Schlaft gut.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.