Teil 4: Triggerwarnung - Alltag?

Veröffentlicht am 25. März 2026 um 23:32

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Seit dem "Vorfall" wache ich jeden Tag auf und denke, heute ist Alltag, ich versorge die Hunde, füttere sie, gehe mit ihnen spazieren und erledige meine Arbeit. Ich funktioniere, erledige Dinge, nehme meine Medikamente ein und hoffe jeden Abend, dass die Nacht gewöhnlicher wird, wenn die Tage zuvor gewöhnlicher sind.

Aber Fakt ist: Das ist Bullshit. Nicht ist mehr gewöhnlich, jeder Arbeitsschritt ist eine enorme Anstrengung, jeder Brief in meinem Birefkasten ist Nervenkitzel, weil ich nicht weiß, was drin stehen könnte. Jedes Auto, das vor meinem Grundstück parkt, versetzt mich in innere Unruhe, wer wird da aussteigen? Jedes Türklingeln, was ich nicht direkt mit einem Termin verbinden kann, versetzt mich in Angst und Schrecken -die Zustelldienste mögen es mir nachsehen.

Und dann sind da diese Phasen, diese Phasen der endlosen Verzweiflung, der tiefen Trauer, der Angst nie wieder ein normales Leben führen zu können. Wenn Freunde mir dann aufmunternd sagen "Du schaffst das schon" oder "Irgendwo da draußen ist der Mann, der genau auf dich wartet, der für dich gemacht ist", dann fokussiert sich mein Gehirn nur auf das "der auf dich wartet!". Ich kann Komplimente nicht hören, kann das Gute oft nicht sehen, verliere immer mehr den Bezug zur Realität, fühle mich elendig verraten, ekelhaft, dreckig und zutiefst hoffnungslos. Denn sind wir mal ehrlich, ich bin beschädigte Ware und völlig egal wie gut es Andere mit mir meinen, wer, wenn er/sie mal ganz tief in sich hinein horcht, wäre im Ernstfall denn wirklich bereit eine tiefere Verbindung mit einem Menschen einzugehen, der eine extreme Angststörung, teilweise schwere Depressionen und vor allem eine gestörte Sexualität hat? Die Wortmeldungen werden immer weniger, oder?

Während ich für jedes bisschen Freiheit mit mir selber kämpfe, in dem ich mir erlaube diese Texte zu schreiben, werde ich damit konfrontiert, "dass man sich noch mehr um mich sorgt, wenn man diese Texte liest!", wenn ich darauf angegriffen reagiere, weil ich darin den versteckten Vorwurf höre, meine Gedanken bitte nicht öffentlich zu äußern, WEIL ANDERE darunter leiden könnten, dann bleibt mir nur zu antworten "Macht euch dann Sorgen, wenn ich nicht mehr schreibe!". Ich möchte mit diesen Texten niemandem gefallen, ich möchte nicht, dass sie zu einfacher, leichter Gute-Nacht-Lektüre degradiert werden, die man wie einen Groschenroman liest und bei der Hälfte vor Langeweile einschläft.

Das hier meine Teilhabe am Leben, meine Möglichkeit das zu verarbeiten, was mir passiert ist, um nicht vollends durchzudrehen. 

Heute saß ich im Garten, der Regen hatte gerade mal kurz nachgelassen und deshalb dachte ich, genieße ich die Stippvisite der Sonne. In meinem Garten fängt die Magnolie an zu blühen. "Ja", flüstert meine Psyche "und nächste Woche kommt der Frost und noch ehe die Magnolie in voller Blüte steht, werden die Knospen im Frost herunterfallen!". "Sei still!", möchte mein Verstand schreien, öffnet die Wetter-App und stellt fest, die Depression hat mal wieder recht, nicht mal der Wettergott ist mit uns. Tränen steigen mir in die Augen, ob wegen der Magnolie und der bitteren Erkenntnis mal wieder keine Frühjahrsblüte mit ihr zu erleben, oder einfach, weil mich wieder mal diese tiefe Traurigkeit einholt. Ich stehe auf, schnappe mir die Kotschaufel und mache ein Hundehäufchen weg, immer in Bewegung bleiben, das lenkt ab. Kaum setze ich mich wieder auf meinen Gartenstuhl, merke ich wie mir meine Gesichtszüge entgleisen und wie viel Kraft es mich kostet, nicht lauthals zu schreien, zu weinen und wütend, traurig, verzweifelt zu sein.

"Ich bin immer für dich da", haben schon oft Menschen zu mir gesagt, aber nicht mal das kann ich mir gerade anhören. Diese "Alles wird wieder gut"-Mentalität zerfrisst mich immer mehr. Es wird nichts wieder gut. Egal ob es jemals ein Urteil gegen den Täter geben wird oder nicht, nichts davon macht ungeschehen, was mir passiert ist. Nichts davon lässt diese tiefen Wunden heilen. Nichts wird mir jemals wieder das Gefühl geben jemandem tief vertrauen, mich fallen lassen und davon ausgehen zu können, dass man mich nicht verletzt, egal wie verletzlich ich bin. Kein Urteil der Welt wird mir meine Unversehrtheit wiedergeben können, wird das Übelkeitsgefühl hemmen, allein bei dem Gedanken noch mal jemanden zu küssen, oder Intimität jemals noch mal als angenehm zu empfinden. "Irgendwann wirst du glücklich, der Richtige wird kommen!", diese und ähnliche aufmunternde Worte klingen in meinen Ohren eher wie eine Drohung, denn auch der Täter dachte er würde mir nur helfen, würde meine Unsicherheiten abbauen, in dem er mich ungefragt einfach küsst. Und dass er nicht mal aufhörte, als ich ihn ausdrücklich darum bat, als ich weinte, zitterte und mit jeder Faser meines Körpers "NEIN" sagte, wird auch niemals aus meinem Kopf verschwinden. Ich möchte, dass man akzeptiert, wenn ich sage, dass ich nie wieder über Partnerschaft nachdenken möchte, dass dieses Thema in meinem bisherigen Leben keine Rolle gespielt hat und auch in meiner Zukunft keine Rolle spielen wird - ich möchte erleben, dass Freunde, Familie und Andere darauf nicht bestürzt oder gar mitleidig reagieren, treu nach dem Motto "Du verpasst was!", sondern dass man mich Ernst nimmt. Wenigstens dieses eine Mal. 

Wenn ich im Rahmen meiner Selbstbestimmung entscheide, dass ich "allein" oder aus meiner Sicht "in Sicherheit" leben möchte, dann ist das kein Grund für Mitleid oder Bestürztsein. Im Gegenteil, das wäre der Moment in dem man mir sagt: "Dafür habe ich volles Verständnis, du wirst deinen Weg gehen und du entscheidest wie du ihn gehst!". Ich möchte gehört, verstanden und ernst genommen werden. Ich möchte von Freunden, Familie und jenen, die glauben für mich da sein zu müssen, einfach den Respekt bekommen, den ich vom Täter schon nicht bekam. Kein "Ach das wird voll schön" oder "du musst dich nur mal drauf einlassen"... Sondern ein "Wir respektieren deine Entscheidung!". Niemand muss ein Eiinsiedlerleben leben, ich empfehle auch keinem, dass er besser allein dran wäre - das steht mir nicht zu - deshalb steht auch niemandem Anders zu, mir zu sagen, dass ich mit Partner "besser" dran wäre.

 

Jeder von uns hat seine Erfahrungen, die ihn/sie formen, prägen und ein Leben lang beeinflussen. Wann immer ich versucht habe den allgemeinen gesellschaftlichen Standards zu gehorchen, bin ich gescheitert. "Wenn du die Täter ignorierst, hören sie von allein auf, dann machts keinen Spaß", war nur einer meiner von Kleinauf eingeprägten Sprüche und hat mich wohin gebracht? Weiter jedenfalls nicht.

 

Worte haben Macht, die können Gewalt sein, je nachdem wie wir sie verwenden und ich wünsche mir sehnlichst, dass wir viel genauer zuhören, wenn wir uns mit jemandem unterhalten und dass wir nur mal für den Moment keine "Kalendersprüche" um uns werfen wie "gut gemeinte Ratschläge" sondern eigene Worte finden, ehrlich miteinander sind und aufhören aus Elefanten Mücken machen zu wollen. Das was mir und zahlreichen anderen Frauen/Mädchen passiert ist und leider weiterhin tagtäglich pasiert, ist kein kleines Wehwehchen, dass ich mit "kurz mal pusten" davon schleicht. Es ist mir kaum möglich zur Beschreibung dessen die passenden Worte zu finden. Es ist wie ein Einbruch und Diebstahl in die Seele mit Tötungsabsicht, jemand kommt, bricht in deine Seele ein, stiehlt dir das, was per Gesetz unantastbar sein sollte, deine Würde und geht. Bestenfalls überlebst du den Vorfall - schlimmstenfalls nicht mal das. Und selbst wenn man überlebt, heißt das nicht, dass man wirklich lebt. Ich emfpinde den derzeitigen Zustand jedenfalls nicht als "Leben" eher als ein "Überleben" und ich freue mich inständig auf den Tag, andem ich wieder leben kann, an dem ich meine Gefühle wieder selbst verstehen und beeinflussen kann, den Tag, andem ich wieder ich selbst bin und frei bin, von Ängsten, Suizidgedanken und Einschränkungen, die mir Erfahrungen mit Anderen auferlegt haben.

 

Und die jenigen unter uns, die jetzt sagen "Jeder ist sein eigenen Glückes Schmied!", kann ich nur mein herzliches Beileid für eure abgewählte Empathie wünschen. Wer in der heutigen Zeit nicht verstanden hat, wie gering unser Einfluss auf das große Ganze tatsächlich ist, dem kann ich nicht mehr weiterhelfen. Ich verbitte mir jedenfalls den im obigen Satz implizierten Vorwurf an allem, was mir und anderen Schlechtes widerfahren ist, selbst Schuld sein zu sollen! Denn Eines wurde mir seit dem Vorfall immer wieder gesagt: Es ist nicht Deine Schuld!

Alltag... Alltag war für mich vorher Leben, jetzt ist Alltag fast eine Bedrohung, der ich glaube nicht standhalten zu können.